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Meisterschüler aus Seelow besuchen Altmeister A.D.Thaer in Möglin

29.04.2018

Dass Albrecht Daniel Thaer vor mehr als 200 Jahren den Grundstein für die moderne Agrarwissenschaft und auch für die akademische Ausbildung von Landwirten legte dürfte nicht nur Historikern bekannt sein. An vielen Orten und darüber hinaus gibt es Denkmale. Straßen und Plätze sind nach dem großen Landwirt benannt, Einrichtungen tragen seinen Namen und in Reichenow-Möglin am Rande des Oderbruchs gibt es eine ganzjährig geöffnete Ausstellung.

Vergleicht man die heutige Landwirtschaft mit der vor 200 Jahren wird der oberflächliche Betrachter schnell abbrechen- das kann man nicht vergleichen! Die Erträge auf den immer größer gewordenen Flächen haben sich vervielfacht, riesige Maschinen und Geräte haben die Gespannarbeit abgelöst und zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität geführt, wie sie sicher nur wenige Wirtschaftszweige erreicht haben.

Die Thaersche Humustheorie als Basis der Pflanzenernährung ist durch die Mineraldüngerlehre abgelöst worden. Statt des Mangels an Nährstoffen zu Thaers Zeiten bereitet heute eine mitunter umweltschädigende Überversorgung Probleme. Synthetische Pflanzenschutzmittel waren vor 200 Jahren nicht bekannt. Inzwischen hält die Automatisierung auf dem Feld und im Stall Einzug. Präzisionslandwirtschaft heißt der neue Trend. Melkroboter, leistungsgerechte Fütterung, moderne Züchtungsmethoden gehören zur modernen Landwirtschaft und haben längst das Forschungsstadium hinter sich gelassen.

Trotz der vor 200 Jahren beginnenden wissenschaftlichen Herangehensweise an die Landwirtschaft, durch neue Erkenntnisse und Anbaumethoden, verbesserte Erträge kam es in der ersten Hälfte des IXX. Jahrhunderts noch zu Hungersnöten. Erinnert sei nur an die „Kartoffelrevolte“ von 1847, der man sogar nachsagt, dass sie die revolutionären Ereignisse von 1848 mit ausgelöst hat. Einen Großteil ihres Einkommens mussten die Menschen damals für Nahrungsmittel ausgeben. Heute sind es lediglich um die10%. Es gibt in Deutschland keinen Hunger, die Probleme der Überernährung fallen der Gesellschaft eher zur Last.

 

Warum besuchen die Landwirtschaftsmeisteranwärter trotzdem die Thaer-Ausstellung in Möglin, wo doch die Welt in Ordnung scheint? Aber eben nur scheint. Kaum zu glauben bei der öffentlichen Darstellung von Tierhaltung, Gülle, Glyphosat, Bienensterben durch Insektizide, Vermaisung der Landschaft und vielen anderen zum Nachdenken anregenden Reizvokabeln, dass der Beruf des Landwirtes nach wie vor hohe gesellschaftliche Wertschätzung genießt. Vergütet bekommen die Landwirte und die in der Landwirtschaft Beschäftigten das allerdings nicht. Sie gehören zu den schlecht Verdienenden der Gesellschaft. Es gehört Idealismus dazu, einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen. Ob sich das mit der eher zögerlichen Umstellung auf alternative Bewirtschaftungsformen wie zum Beispiel den Organisch Biologischen Landbau ändert, wird die Zukunft zeigen. Noch funktioniert die „Öko-Niesche“ auf weniger als 10 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche- mit Grünlandpflege in Naturschutzgebieten, Regionalität und Selbstvermarktung.

 

Die Landwirtschaftsmeisteranwärter der Landwirtschaftsschule aus Seelow im Kreis Märkisch-Oderland informierten sich am 27. März 2018 in Möglin über die Aktualität des Thaerzitats „Die Landwirtschaft ist ein Gewerbe, welches dem nachhaltigen Gelderwerb dient. (gekürzt)“.

Dem stimmen die Meisterschüler auf jeden Fall zu. In ihren Meisterarbeiten und den zur Prüfung gehörenden Fremdbetriebsbeurteilungen wird es auch darum gehen, dass zur Landwirtschaft Arbeit, Kapital, Grund und Boden, aber auch Intelligenz gehören. Es sind die Hauptkapitel aus den Grundsätzen der „Rationellen Landwirtschaft“, die Thaer zwischen 1809 und 1812 veröffentlichte.

 

 

Die Landwirtschaft braucht gut ausgebildete Fachkräfte, das stand für die 3 jungen Landwirtinnen und 6 Landwirte aus den unterschiedlichsten Betriebsformen der Kreise MOL und LOS fest.

Für alle interessant der Hinweis, dass Tierhaltung und Ackerbau in enger Verbindung zueinander stehen müssen. Heute würde man sagen, Thaer fordert die flächengebundene Tierhaltung. Für ihn war es der organische Dünger aus der Tierhaltung und der Anbau von Futterleguminosen auf dem Acker im Interesse der Bodenfruchtbarkeit. Ein Tierbesatz von einer Großvieheinheit (GV) pro Hektar sollte vorhanden sein. Brandenburg gehört mit 0,35 GV/ha heute zu den tierärmsten Bundesländern. Der Reprint der Grundsätze der „Rationellen Landwirtschaft“ steht auf der Bestsellerliste der Fördergesellschaft Albrecht Daniel Thaer.

Die 9 Teilnehmer aus der Meisterklasse waren sehr erstaunt, wie aktuell Thaer ist.

 

Denkanstöße vermittelte der Besuch im Thaermuseum in Möglin allemal und die anschießende Diskussion trug zur Wissenserweiterung der sachkundigen Besucher bei - eine gelungene  Lehrveranstaltung.

Bemerkenswert die herzlichen Eintragung ins Gästebuch der Ausstellung:

„Wenn wir nur eine Krume von Herrn Thaer`s Wissen aufnehmen, fühlen wir uns geehrt. In diesem Sinne hoffen wir, dass es Aufgabe unseres Lebens wird „ die Landwirtschaft zur nützlichen und würdigen Beschäftigung der denkenden Menschen zu machen“.

Für die meisten der angehenden LandwirtschaftsmeisterInnen wird es nicht der letzte Besuch in der Thaerausstellung in Möglin gewesen sein.

 

Renate Wolter

Dozentin an der Landwirtschaftsschule in Seelow