Wissenschaftliche Lehre
Aus seinem umfangreichen Lebenswerk sind besondes Beiträge in den Bereichen Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Agronomie, Tierhaltung und Bildung zu nennen.
Die skizzierten Leitsätze und Zitate repräsentieren keinesfalls das gesamte von ihm errichtete Lehrgebäude, mit dem er auch als Begründer der akademischen Ausbildung von Landwirten in die Geschichte eingegangen ist.
Volkswirtschaft - Eigenverantwortung der Bauern
Thaer forderte die Abschaffung aller Leibeigenschaft und der feudalen Dienste, weiterhin die freie Verfügbarkeit über Eigentum an Grund und Boden.
Thaer zur Leibeigenschaft: "Durch Aufhebung aller Frohnden würde der Staat eine grosse Masse von Kräften gewinnen können, die dann, erweckt und thätig benutzt, eine höhere Production nothwendig hervorbringen müsste."
zu Abgaben: "Dass der Marktpreis des Getreides und aller unentbehrlichen Producte nie unter den natürlichen sinke, muss nicht bloss der Landwirth, sondern jeder verständige Staatsbürger wünschen, und die Regierung, wenigstens passive, befördern."
Betriebswirtschaftliches Denken in der Landwirtschaft
Thaer erkannte, dass die Landwirtschaft dem Betreiber Einkommen und Gewinn sichern muss. Er entwickelte erste Ansätze zur Klassifizierung der Ackerböden unter Berücksichtigung der Bodenart und schuf damit eine sachliche Voraussetzung für den Kauf und Verkauf von Ackerland.
zum Gewinn: "Die Landwirthschaft ist ein Gewerbe, welches zum Zweck hat, durch Production (zuweilen auch durch fernere Bearbeitung) vegetabilischer und thierischer Substanzen Gewinn zu erzeugen. Je höher dieser Gewinn nachhaltig ist, desto vollständiger wird dieser Zweck erfüllt."
Agronomie - Dreifelderwirtschaft, Humustheorie und Bodenbearbeitung
Thaer führte die verbesserte Dreifelderwirtschaft und später die Fruchtwechselwirtschaft nach dem Vorbild der englischen Landwirtschaft ein. (50 % der Ackerfläche tragen Getreide, 50 % sind mit Blattfrüchten bestellt.) Mit der Fruchtwechselwirtschaft entfiel die jeweils im dritten Jahr eingefügte Brache der alten Dreifelderwirtschaft, die der Erholung des Ackers diente. Die Erträge stiegen erheblich an, weil die Blattfrüchte intensiv bearbeitet und auch mit Stallmist versorgt wurden. Thaer entwickelte parallel seine Humustheorie.
zu Mist: "Schon längst sagten daher alte erfahrene Landwirthe, die ganze Kunst der Landwirthschaft besteht darin, Mist genug zu machen."
zu Humus: "Alle in Fäulnis oder Verwesung übergegangene organische Substanzen enthalten die Materie zur Hervorbringung (...) jeder angebauter Vegetabilien."
Thaer erkannte die Vorzüge der Blattfrüchte für die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit und die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Landwirtschaft. Er trug wesentlich zur Einführung neuer Feldkulturen bei (z. B. Kartoffeln, Rüben, Luzerne, Klee, Hülsenfrüchte).
Thaer entwickelte von aus England importierten Bodenbearbeitungsgeräten, Sämaschinen und Pflegegeräten neue landtechnische Lösungen und propagierte die Getreidedrillsaat.
zu Geräten: "Der Effect der Arbeit wird erstaunlich vermehrt durch zwei mächtige Hebel: Theilung der Arbeit und Maschinen."
Tierhaltung - Fütterung und Zucht
Thaer führte die Sommerstallfütterung im Interesse von Tiergesundheit und Tierleistung, aber auch wegen des höheren Anfalls von Stallmist ein, der für die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit unerlässlich war. Die neue Fruchtwechselwirtschaft führte zur Ausweitung des Anbaus von Futterpflanzen auf dem Acker.
zu tierischer Düngung: "Unter den gewöhnlichen ländlichen Verhältnissen hat die anerkannte Nothwendigkeit der tierischen Düngung für den Gewächsbau allen Zeiten und Nationen gelehrt, dass Ackerbau und Viehzucht in der genauesten Verbindung stehen müssen."
Thaer entwickelte ein erstes System zur Einschätzung der Qualität der gebräuchlichsten Futterstoffe ("Heuwert") ein. Dabei griff er Gedanken anderer Autoren auf. Er setzte auf zielorientierte mögliche Zuchtmethoden an verschiedenen landwirtschaftlichen Nutztieren ein (z. B. für hohe Wollqualität bei Schafen).
Bildung - Theorie und Praxis in der Landwirtschaft
Thaer schlug die Systematisierung des vorhandenen landwirtschaftlichen Wissens und Einbeziehung naturwissenschaftlicher Disziplinen in die Ausbildung von Landwirten vor.
zu Erkenntnisnutzung: "Jeder, welcher die Landwirthschaft mit höchstmöglichem Erfolg (…) ausüben will muss Energie und Thätigkeit, mit Überlegung, Ausdauer und mit allen erforderlichen Erkenntnissen verknüpfen."
In der Ausbildung muss das Prinzip der Einheit von Theorie und Praxis Anwendung finden. Vorlesungen, Gespräche, Erfahrungsaustausche, Diskussionsrunden sowie die Auswertung von Beobachtungen sind Elemente des Studiums.


